Perpetuum mobile per Gesetz

Borner abgeschnWie in der Physik, so gibt es auch in der Ökonomie unverrückbare Gesetzmässigkeiten. Wenn Politiker diese zu ignorieren versuchen, wird es teuer.
(Dieser Beitrag erschien zuerst als Kolumne in der Weltwoche Nr. 37.15, S. 20.)

Jeder Ingenieur oder Physiker kennt Carnot. Jeder Ökonom kennt Cournot. Diese beiden Genies, Carnot als Ingenieur und Cournot als Mathematiker, haben im 19. Jahrhundert in Paris gelebt und Gesetze formuliert, die in ­ihrer Einfachheit und Allgemeingültigkeit ­die technisch-wirtschaftliche Entwicklung entscheidend geprägt haben.

Carnot war ein Ingenieur, der den technischen Rückstand gegenüber England aufzuholen versuchte. Dabei entdeckte er unverhofft eine unerbittliche Gesetzmässigkeit. Bei jeder Umwandlung von thermischer Energie in andere Energieformen (beispielsweise mechanische Energie) ist der Wirkungsgrad durch die Temperaturdifferenz zwischen der Quelle (z.B. Dampf) und der Senke (z.B. Umgebungsluft) begrenzt. Ist der Dampf (Quelle) 300 Grad Celsius heiss und die Lufttemperatur (Senke) 14 Grad, dann beträgt der maximal mögliche Wirkungsgrad 0,5 oder 50 Prozent. Dieser kann nur im Idealfall erreicht und durch keine Technik der Welt überschritten werden. In unserem Beispiel bekommen wir so im Maximum 50 Prozent Arbeit und 50 Prozent Abwärme. Je höher die Temperaturdifferenz, desto höher der Carnot-Wirkungsgrad, der sich aber nur asymptotisch dem Wert von eins annähern kann. Jeder Wert über eins oder 100 Prozent wäre ein Perpetuum mobile. Patentämter schmeissen entsprechende Anmeldungen unbesehen in den Papierkorb.

Carnot liefert aber auch einen reibungslosen Übergang zur ökonomischen Betrachtungsweise. Wenn wir, wie in unserem Beispiel, die 50 Prozent Abwärme nutzen wollen, ist die Temperaturdifferenz gewaltig geschrumpft mit entsprechend tieferem Wirkungsgrad, was gleichbedeutend ist mit steigenden Kosten. Technisch machbar ist ausser dem Perpetuum mobile fast alles, wie der Irrsinn des Solarflugzeugs von Piccard zeigt. Es ist genau an der absoluten Grenze des technisch Machbaren, aber unendlich weit weg von jeglicher kommerziellen Nutzung. Gleiches gilt in ab­geschwächter Form für ein völlig energieautarkes Haus, das durchaus konstruierbar ist, aber wirtschaftlich allen Alternativen haushoch unterlegen bleiben muss.

Der Ökonom Cournot hat herausgefunden, wie ein Unternehmen den Preis seines Produkts so festlegt, dass der Profit maximal ist. Wie bei Carnot ist dieser profitmaximierende Preis ebenfalls von nur zwei Grössen abhängig: den Grenzkosten der Produktion und der Elastizität der Nachfrage, die uns sagt, wie stark eine Preisänderung das Nachfrageverhalten beeinflusst. Auch hier gibt es eine klare Untergrenze, nämlich einen Profit von null bei vollkommener Konkurrenz oder einen Monopolgewinn, der mit sinkender Elastizität zunimmt. Dynamisch interpretiert, können wir daraus zwei alles entscheidende Strategien von Innovatoren ableiten. Zum einen gilt es, die Grenzkosten zu senken, sei es durch Grössenvorteile oder Prozessinnovationen. Zum anderen können wir durch Produktdifferenzierung oder Innovationsvorsprünge die Elastizität der Nachfrage nach unseren Leistungen reduzieren. In beiden Fällen erhöht sich zumindest kurzfristig der Profit. Wie wir gerade im IT-Bereich mit rasant-revolutionärem Fortschritt erkennen können, vernichtet der Wettbewerb diese Monopolrenten schnell.

Carnot lehrt uns, wo die absolute Grenze zwischen dem technisch Machbaren und dem Perpetuum mobile liegt. Er zeigt aber auch, weshalb mit zunehmender Wiederverwertung der Abfälle (Abwärme) die Kosten rasch ansteigen und damit den Profit wegfressen. Von Cournot lernen wir, dass die Elastizität der Nachfrage von der Quantität und der Qualität der Konkurrenten abhängt. Anbieter im offenen Wettbewerb sind so dazu verdammt, ständig nach Innovationen aller Art zu suchen, die ihnen einen Vorsprung verschaffen. Dadurch entstehen wohl temporär Monopolrenten. Doch diese treiben den Innovationsprozess voran, während Subventionen oder Regulierungen zugunsten bestehender Technologien den Innovationsprozess stoppen. Henry Ford hat einmal gesagt: «Was sich die Menschen wünschen, sind schnellere Pferde.»

Wenn wir beispielsweise per Gesetz vorschreiben, wie wir mit heutigen Technologien in zwanzig Jahren ein Gebäude heizen müssen, dann ist das technisch kontraproduktiv und wirtschaftlich schädlich. Aber genau das wollen uns die kantonalen Baudirektoren mit ihren Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) aufzwingen. Hier kann und muss das Stimmvolk auf-Mu(c)KEn.

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Eine Antwort zu “Perpetuum mobile per Gesetz

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